Plädoyer für ein Planwerk Innenstadt Berlin 2.0
Oliver Bormann, Michael Koch
Harald Bodenschatz, Thomas Flierl
Berlin 2010
Renaissance der Stadt_Landschaft
Das zweifellos legendäre Berliner Planwerk Innenstadt der 1990er Jahre setzte mit seinem städtebaulichen Regelwerk die Auseinander- setzung um das Weiterbauen an der europäischen Stadt fort. Diese Debatte war mit der Inter- nationalen Bauausstellung (IBA) 1987, als Nachfolgeveranstaltung zur Stadtlandschafts-IBA von 1956 in Berlin mit großem Engagement und auch einigem städtebaulichen Pathos geführt worden. Dabei ging es in erster Linie um die so genannte Behälterstadt, in der Straßen und Plätze die öffentlichen Räume bilden. Die in der Moderne entstandenen Stadtteile und insbesondere die Stadt der Nachkriegsmoderne wurden in dieser Debatte als stadtbauideologische Betriebsunfälle gewertet, als fehlgeleitete und gescheiterte Versuche, die der industriellen Massengesellschaft angemessene Stadt zu bauen. (...)
Innen_Stadt_Aussen
Auch die aktuelle Ausstellung von Olafur Eliasson beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Architektur, Stadt und Landschaft. Sie versucht, Objekte und Kontexte auf unterschiedliche Arten und Weisen in Beziehung zu bringen. Die Arbeiten von Olafur Eliasson initiieren und erforschen neue (Wahrnehmungs)Verhältnisse von Objekt und Raum und bieten eine anregende Folie für den aktuellen Städtebaudiskurs beziehungsweise darüber, was das Künstlerische im Städtebau ausmacht oder welche Kunstauffassung Stadträume mit beeinflusst. Am Anfang der Kritik an der Moderne stand der Vorwurf der Objektfixiertheit und Kontextlosigkeit der Moderne, die den Stadtraum als übergeordneten Zusammenhang völlig ausblende. (...)
Relationaler Städtebau
Die urbanistischen Kern-Disziplinen wie Architektur und Landschaftsarchitektur, Städtebau und Stadtplanung wie auch Landschaftsplanung müssen ihr Verhältnis von Entwürfen, Konzepten und Projekten zum Prozess der Entstehung, Umsetzung und Implementierung neu definieren. Der Anspruch auf fachliche Verantwortung muss sich ausdehnen auf das Ermöglichen von Veränderungen und Anpassungen von städtischen Strukturen im Rahmen der planerischen Regelwerke. Er muss sich aber auch ausdehnen auf eine proaktive Teilhabe der Planer und Entwerfer am Entwicklungsprozess, indem die veränderten Anforderungen artikuliert und eingebracht werden und entsprechend eingearbeitet und gestaltet werden müssen. Stefan Kurath (2010) hat diese Notwendigkeiten gerade in seiner Dissertation sehr anschaulich belegt und dafür den Begriff des relationalen Entwerfens geprägt. (...)
Garten_Stadt_Reparatur
Die geplante Einhausung eines Autobahn- abschnittes in Zürich-Schwamendingen und die damit einhergehende radikale Um- und Aufwertung ehemals verlärmter Siedlungsränder gaben den Anlass für eine vertiefende städtebauliche Testplanung der betroffenen Teilgebiete. Eine war dem Dreispitz-Areal gewidmet. Hier sollten die für die Gartenstadt skizzierten Konzeptbausteine und Spielregeln in Form von prinzipienhaften Szenarien konkretisiert werden. Unter gleichzeitiger Berücksichtigung der neuen Situation sowie der Logik der bestehenden Siedlungsstruktur sollten die Ausnutzung der Fläche verbessert und zeitgemäße Formen des Wohnens entwickelt werden. (...)
Collage_City 2
Die erste Begegnung mit dem Gebiet Teuchel- weiher der Stadt Winterthur offenbart eine Randzone, die man gleichsam als Gegenstück zum historisch gewachsenen Zentrum bezeichnen könnte: Unweit der Altstadt gelegen ist das Areal geprägt durch eine Überlagerung vielfältigster Raumeindrücke, ein Flickenteppich aus lose gefügten Siedlungsteilen, Gewerbehallen, solitären Architekturen, seltsamen Artefakten, immer wieder durchsetzt mit Brachen und Wiesen und durchzogen von kanalisierten Bachläufen. Nichts scheint sich wirklich zu fügen. Die Leerräume scheinen die Identität des Areals mindestens ebenso zu prägen wie die vorhandene Bebauung. Das Areal war über lange Zeit Auffangbecken für Nutzungen, die aus dem Zentrum verdrängt wurden: Viehmarkt, hölzerne Festhalle, Zirkuswiese und Kunsteisbahn und Zeughaus schufen ein Widerlager zu städtischer Normalität und bürgerlichem Alltag. Durch die Unmöglichkeit einer konventionellen Bebauung entstand ein Ort, der scheinbar Unvereinbares vereint, bzw. als vielschichtiges Konglomerat nebeneinanderstellt. Das vordergründig sperrige Quartier offenbart aber bei näherem Hinsehen spezifische Charakterzüge und identitätstiftende Eigenschaften. (...)
Plan_Werk 2
Noch einmal: Bestände sind Ressourcen. Das gilt heute immer mehr und mit Blick auf die Anforderungen der Nachhaltigkeit insbesondere. Wenn es denn eine Lehre aus der jüngeren Städtebaugeschichte gibt, dann doch diese: Man kann Städte nicht gegen ihr Wesen, ihren Charakter bauen, umbauen, weiterbauen. Man kann sie auch nicht wirklich transformieren, wenn man ihre Form und die diese beeinflussenden Kräfte nicht verstanden hat. (...)