Handwörterbuch Planen Bauen Umwelt, Städtebauliches Entwerfen

Ein Glossar

Autoren

Oliver Bormann, Michael Koch

Herausgeber

Dietrich Henckel, Kester von Kuczkowski, Petra Lau, Elke Pahl-Weber, Florian Stellmacher

VS Verlag

Wiesbaden 2010

Städtebauliches Entwerfen
Städtebauliches Entwerfen ist längst nicht mehr was es mal war oder zumindest sein wollte. Seine Bedeutung bestimmt sich nach seinem Verhältnis zur tatsächlichen Stadtentwicklung, nach seinen Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen. Dabei schwankt es zwischen  omnipotenten Gestaltungsmachtfantasien und demütiger oder devoter Unterwerfung unter die Zwänge des Marktes. Im planerischen Alltag geht es weniger um die Anwendung eines raumfunktionalen Formenkanons als um das Rahmensetzen für städtische Entwicklungsmöglichkeiten: Das Postulieren eines zu Ende gedachten Stadtbildes ist dem Veranschaulichen und gestalterischen Begleiten von urbanen Transformationsprozessen gewichen. Dabei wird städtebauliches Entwerfen in den letzten Jahren ergänzt um das regionale und das raumplanerische Entwerfen. Damit wird einmal mehr ein erweitertes Entwurfsverständnis angedeutet, das auch wieder den Anspruch erhebt, unter bestimmten Voraussetzungen „Forschung“ sein zu können. Das folgende Glossar umreißt die aktuellen (Be)Deutungs- und Handlungsfelder städtebaulichen Entwerfens. (...)

Mythen
Entwerfen bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Intuition und Ratio und speist sich bei der Suche nach seinem Wesen und seiner Bedeutung aus den Mythen von Romantik und Aufklärung. Eine umfassende Lesart muss beide Seiten der Medaille zu reflektieren versuchen.
    
Entwerfen ist Kunst
Die Wurzeln dieser Auffassung sind sicherlich in der Romantik zu suchen, die den Künstlermythos bis heute nährt. Architekten und Städtebauer werden gesehen als genialische (Bau-)Künstler, die ihre Ideen durch Inspiration erhalten und ob ihrer Begnadung, Expertenwissens und fachlichen Repertoires wenig Rechenschaft über „ihre Werke“ schuldig sind. So antiquiert der Künstlermythos auf den ersten Blick anmutet, wirft er doch eine wesentliche „methodische“ Frage auf: Wie kommt man über Bekanntes hinaus und schafft Neues, wie entsteht Kreativität und was sind die Bedingungen ihrer Möglichkeit?

Entwerfen ist Wissenschaft
In der abendländischen Aufklärung ebenso verankert ist der der Wunsch nach rationaler Durchdringung der zum Entwurf führenden Entscheidungen.
Zum einen geht es dabei um Transparenz und Ableitbarkeit des Entwurfsgedankens, also das bewusste Offenlegen von Einflussfaktoren und Verfahrensweisen, um einen Entwurf argumentierbar zu machen und der Sphäre des Arbiträren zu entziehen.
Zum anderen ist, der Tradition der Moderne folgend, ein solches Vorgehen beseelt vom Ideal technisch-funktionaler Perfektionierung.
Ein primäres Ziel wissenschaftlicher Arbeit, allgemeingültige Regeln und Gesetzmäßigkeiten pauschal anwendbar zu machen, bleibt dabei ebenso verführerisch wie zweifelhaft. Es lässt sich, so Gerhard Banse, für das Entwurfshandeln keine allein schematisch oder algorithmisch abarbeitbare, eventuell noch vorgegebene Schrittfolge angeben, die mittels gegebener Information mit Sicherheit zum beabsichtigten Ziel führt (Banse/Müller 2001).

Aktuelle Versuche computerbasierten Entwerfens bemühen sich um die vollständige Ausschaltung subjektiver Einflussnahme; der Autor zieht sich aus dem Entwurf zurück. Dieser wird durch den parametrisch gespeisten Rechner generiert, seine Genese erfolgt komplementär zur tradierten Auffassung vom künstlerischen Geniemythos. Doch zeigen sich schnell die Grenzen totaler Objektivierbarkeit.
Eine rein pragmatisch-funktionalistisch argumentierte Herangehensweise ignoriert zwangsläufig die Vielfalt und Komplexität weiterer, teils schwer greifbarer Einflussfaktoren und erscheint in ihrer monokausalen Auslegung der Entwurfsgrundlagen oft verkürzend und eindimensional. Das Drehen an den Stellschrauben des Entwurfs, z.B. die Auswahl und Gewichtung von Daten und Werkzeugen, bleibt bis zu einem gewissen Grad erstens subjektiv und zweitens unvermeidlich. Gleichwohl kann und muss sich dieser Vorgang bzw. das Ergebnis intersubjektiv reflektieren lassen, wenn der Entwurf den Anspruch eines gemeinsamen Erkenntnisgewinns haben möchte. (...)